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Die Schöpfung

Die Schöpfung - Intention und Leidenschaftvon Robert Scheingraber

Vor kurzem fand ich zwei Zitate:
„Es ist nahezu unmöglich, aus Haydns Schöpfung nicht frohen Mutes hinauszugehen.“ und an anderer Stelle: „Haydn zu dirigieren sei das Einfache, das so schwer zu machen ist.“

Aus der Werbung erfahren wir zwar täglich, dass alles ganz easy ist, alles super, alles jung, alles schön….…, aber in den Nachrichten werden nur Negativmeldungen verlesen. Mir scheint manchmal wirklich, dass die Welt die Freude verloren hat. Und da kommt so einer wie Haydn, der sagt, er wolle uns ein fröhliches Herz geben. Tatsächlich ist es die Qualität seiner Musik, dass man beschwingt und fröhlich „die Schöpfung“ hören kann, dass man sie sogar immer wieder hören kann. Diese Fröhlichkeit hat Haydn ja auch in die geistliche Musik gebracht – und wurde oft so völlig missverstanden. Es geht in erster Linie darum, dass die Menschen glücklich werden, so wie er ein glücklicher Mensch gewesen ist. Alle Schilderungen, selbst über den alten Joseph Haydn, beschreiben das Liebenswürdige und Warmherzige dieses Menschen. Und das ist auch in seiner Musik enthalten. Wenn wir dies verstehen, bekommen wir von Haydn alles zurück.

Mir ist am allerwichtigsten der Humor in seiner Musik. Wenn man bei Haydn nicht lacht, versteht man ihn nicht, denn wenn ich jemandem einen Witz erzähle und der lacht nicht, dann hat er ihn entweder nicht verstanden, oder der Witz ist schlecht. Dass die Musik schlecht ist, scheidet aus – die Witze in Haydn´s Musik sind hervorragend - aber es lacht heute niemand. Also verstehen wir seine Musik nicht mehr.

Hier beginnt meine Aufgabe: dass man sich unter dieser Musik etwas vorstellen kann, möglichst das, was sich Haydn selbst vorgestellt hat. Das heißt, die Musik muss vorgetragen werden wie ein Gedicht. Jeder Vortrag braucht die richtigen Betonungen. Wenn ich ein Gedicht falsch oder gar nicht betont vortrage, versteht es keiner oder wird langweilig. Und genau so ist es bei der Musik, in der die sogenannte Phrasierung oft nicht zu erkennen ist. Auch das ist meine Aufgabe: die Haydn´sche Phrasierung zu finden, um die Musik so vortragen zu können, dass man sie versteht.

Es ist ein langer Prozess, bis man soweit ist, die Phrasierungen aus dem Notentext so erkennen zu können, wie der Komponist sie dachte, denn sie sind meist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Man muss also weitere Faktoren hinzuziehen. Aufnahmen anderer Dirigenten interessieren mich dabei überhaupt nicht, sondern vielmehr die Phrasierungslehren des 18. Jahrhunderts. Da ist einiges zu finden: in der Violinschule von Leopold Mozart, in der Flötenschule von Quantz und besonders in der Klavierschule von Daniel Thürk. Er hat sogar versucht, Bezeichnungen zu finden, um die Schwerpunkte zu betonen.

Wenn in der Musik keine Phrasen, keine musikalischen Zusammenhänge, sondern nur einzelne Töne gespielt werden, kann es passieren, dass wir heute eine unglaublich humorvolle Stelle in Haydns Musik nicht mehr verstehen. Die Phrasierung im 18. Jahrhundert war ganz selbstverständlich, deshalb gab es auch keinen Grund, sie zu notieren. Die Phrasierungslehre ist verloren gegangen. An ihre Stelle trat die sogenannte Interpretation, die für die Musik des 18. Jahrhunderts ein Unsinn ist. Das Wort gab es damals gar nicht! Heute wird oft der Versuch unternommen, aus seiner Musik etwas zu machen, was darin nicht enthalten ist.

Mit dem Orchester La Banda aus Augsburg (auf Original-instrumenten) und den Solisten, allen voran Emma Kirkby, stehen mir Künstler zur Verfügung, die in idealer Weise den o.g. Intentionen voll gerecht werden.
Außerdem stellt der Klassik Chor München einen Klangkörper dar, der durch seine Art zu phrasieren und artikulieren ein idealer Partner für die Musik des 18. Jahrhunderts ist. Es ist eine Freude, miterleben zu dürfen, wie sich die Begeisterung des Chores immer wieder auf alle Beteiligten und das Publikum überträgt.

Auch wenn wir vielleicht nicht die Erregung nachempfinden können, die diese Musik beim Publikum am „Fin-de-siécle“ des 18. Jahr-hunderts auslöste, so befinden wir uns doch heute in anderer Hinsicht in einer vergleichbaren Situation; denn schließlich ist uns das bedrohliche Herannahen der Napoleonischen Kriege, durch die so viele tausend Menschen getötet oder verwundet wurden, in anderer Gestalt auch in unserer Zeit gegenwärtig. Und vielleicht kann „die Schöpfung“ erneut den Verzweifelten ein Gefühl der göttlichen Größe vermitteln, die sich hier – in der typischen Weise des 18. Jahrhunderts – durch den Menschen selbst mitteilt. Der aufklärerische und stark freimaurerische Gehalt des Werkes (etwa hinsichtlich der Brüderlichkeit zwischen den Menschen) sowie die hierin enthaltene Freude über alle ideellen und materiellen Dinge des Lebens sprechen uns somit vielleicht noch unmittelbarer an als je zuvor seit 1798.

Für dieses Konzert werden Partitur und Aufführungsmaterial der Neuausgabe der Oxford University Press verwendet, herausgegeben von A. Peter Brown. Es gibt zahlreiche grund-legende Unterschiede zwischen dieser authentischen Edition und den üblicherweise verwendeten Ausgaben. Diese Unterschiede betreffen Tempi, Phrasierung, dynamische Zeichen und sogar die Instrumentation (so sind im „Chaos“ die Blechbläser gedämpft). Browns Ausgabe basiert unter anderem auf dem originalen handschriftlichen Aufführungsmaterial, das Haydn von 1798 an verwendete.

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